STIMMEN AUS GAZA – Ich bin erneut vertrieben worden, aber Gaza wird nicht einfach stillschweigend vergessen werden.
Nour al-Assy
30. April 2025
Gaza-Stadt, Besetztes palästinensisches Gebiet
Ich beginne dies zu schreiben, während ich wieder meine Sachen packe. Zum zweiten Mal seit Beginn des Krieges werde ich gewaltsam aus meinem Haus vertrieben. Dieses Mal fühlt es sich noch demütigender und beängstigender an. Denn ich weiss bereits, wie es sich anfühlt, eine Fremde zu sein, zurückgelassen zu werden und zu leiden. Ich kenne das Gefühl der Hilflosigkeit und der Ungewissheit, nicht zu wissen, was als Nächstes passieren wird.
Während des Waffenstillstands Anfang dieses Jahres kehrte ich endlich in das Haus meiner Familie in al-Tuffah, einem Viertel im Nordosten von Gaza-Stadt, zurück. Zuvor lebte ich 15 Monate lang in Deir al-Balah als Vertriebene. Für 40 Tage versuchte ich, wieder an mein Zuhause zu glauben. Ich wischte die Böden. Ich kochte Kaffee. Ich sass auf der Eingangstreppe und liess meinen Körper sich daran erinnern, was es bedeutet, Stille zu spüren.
Aber Heilung braucht Zeit. Und in Gaza wird uns nie Zeit gegeben.
Nach 58 Tagen ungewisser Ruhe beschloss Israel am 18. März, seinen Krieg wieder aufzunehmen. Der Terror kehrte zurück. Wir sassen in unserem Haus und verfolgten bis spät in die Nacht die Nachrichten über erneute Zerstörung und Tod. Unvermeidlich kamen die neuen Evakuierungsbefehle. Mehr als 20 wurden seit dem 18. März erlassen. Zusammen mit den einseitig erklärten «No-Go-Zonen» wurden fast 70 Prozent des Gazastreifens zu Gebieten erklärt, die für Palästinenser:innen verboten sind. Darunter ist auch al-Tuffah, in dem sich unser Haus befindet.
Wir erfuhren von dem neuen Evakuierungsbefehl durch einen Facebook-Post. Zunächst sagten wir, wir gehen nicht. Wir wollten bleiben. Doch eine Woche später warf das israelische Militär Flugblätter über unserem Viertel ab, in denen alle zur sofortigen Evakuierung aufgefordert wurden. Dann begannen die unerbittlichen Bombardierungen und Luftangriffe.
In aller Eile packten wir ein, was wir konnten, und fuhren mit unserem Auto ins Ungewisse.
Wenn sich die Aufmerksamkeit der Welt woanders hinbewegt
Was am meisten schmerzt, ist nicht nur, sein Zuhause zu verlieren. Man hat nie den Raum für Gefühle. Beim ersten Mal hatte ich keine Zeit, zu weinen über das, was ich verloren habe. Meine Familienmitglieder und Freund:innen, die getötet wurden. Meine Ausbildung. Meine Verbindung zu diesem Land. Ich hatte keine Zeit zum Atmen. Jetzt, wo ich wieder fliehe, weiss ich nicht einmal, wohin ich gehe. Keiner weiss es. Wir verlieren nicht nur unsere Häuser, sondern auch unsere Orientierung, unsere Vergangenheit und unsere Zukunft.
Der Krieg wütet heftiger denn je. Es fliesst mehr Blut. Es gibt mehr Verluste, mehr Hunger. Als Journalistin berichte ich über die humanitäre Seite dieses Krieges: die Menschen, das Leid, die Dinge, die passieren, wenn die Aufmerksamkeit der Welt woanders hingeht.
Ich habe mit Müttern gesprochen, die im Schlaf eine Hand um ihre verbliebenen Kinder legen und die andere um Fotos derer, die sie unter Trümmern begraben haben. Ich habe mit älteren Männern gesprochen, die die Schlüssel zu Häusern bei sich tragen, die vor drei Kriegen zerstört wurden. Und ich habe mit Kindern gesprochen, die den Krieg für normal halten, weil er alles ist, was sie je kennengelernt haben.
[...] Eine Geschichte, die mich immer noch verfolgt, ist die des neunjährigen Zain Ziara. Eine Bombe hat ihm ein Bein abgetrennt und das andere schwer verletzt. Die Ärzte sagen, dass er sofort im Ausland operiert werden muss, um sein verbliebenes Bein zu retten. Zain sagte mir: «Ich möchte nur spielen wie andere Kinder. Ich möchte meine Mutter nicht weinen sehen, während sie mich vom Bett ins Bad trägt.»
[...] Das alles ist nicht neu. Es dauert nun schon anderthalb Jahre an. Und es wird von Tag zu Tag schlimmer und ernster. Und trotz alledem wird von uns erwartet, dass wir in Bewegung bleiben, weiterlaufen und immer wieder neue Verstecke finden. Ich weiss nicht, wie viele Ecken noch übrig sind.
Wir weigern uns, zu verschwinden
Ich bin jetzt vertrieben und lebe mit meiner Familie im Haus meiner Schwester in einem anderen Viertel von Gaza-Stadt. Ich teile ein Zimmer mit meiner jüngeren Schwester, meiner Mutter und meinem Vater.
Die Lage ist schlimmer denn je. Die Kämpfe und Luftangriffe finden überall im Gazastreifen statt. Buchstäblich überall. Wir verbringen unsere Zeit damit, zu beten, dass wir den nächsten Tag überleben und dass wir, falls wir getroffen werden, sofort sterben. Wir wissen, wie sehr die Verletzten leiden. Ansonsten suchen wir nach Lebensmitteln, die wir uns leisten können. Nachts schlafen wir betend und zitternd.
[...] Jedes Mal, wenn ich hinausgehe, um über die Situation zu berichten, betet meine Mutter für meine Sicherheit. Ich kann die Angst in ihren Augen sehen. Denn sie weiss, was mit Journalist:innen in Gaza geschieht.
Es gibt Tage, da möchte ich nicht mehr berichten. Ich möchte schreien. Ich möchte weinen. Ich möchte schlafen, ohne von Explosionen zu träumen. Aber ich mache weiter, weil ich mir das Versprechen gegeben habe: Ich werde nicht zulassen, dass Gaza still und leise verschwindet. Ich werde nicht zulassen, dass die Geschichten der Menschen von Gaza vergessen werden. Israels Strategie scheint darauf abzuzielen, das Leben in Gaza unerträglich zu machen. Sie wollen uns dazu bringen, unser Heimatland zu verlassen. Die Zwangsevakuierungen, die Zerstörung der Infrastruktur und die Verweigerung der Grundversorgung sind allesamt Taktiken, um unsere Verbundenheit mit diesem Land zu untergraben. Doch trotz des Leids bleiben wir unerschütterlich.
Wir hassen unser Land nicht. Wir hassen, was ihm angetan wird. Wir wollen es nicht verlassen. Wir wollen leben. Und trotz allem sind wir immer noch hier. Wir stehen immer noch. Sprechen immer noch. Dokumentieren immer noch. Wir weigern uns immer noch, zu verschwinden.
Weil Gaza wichtig ist. Weil Zain, der junge Amputierte, den ich getroffen habe, wichtig ist. Weil jede Mutter, die den verstümmelten Körper ihres Kindes in den Händen gehalten hat, mehr verdient als Schweigen. Und weil die Welt so tun wird, als sei dies nie geschehen, wenn wir nicht die Wahrheit sagen.
Nour al-Assy ist 22 Jahre alt und palästinensische Dichterin und Schriftstellerin.
The New Humanitarian stellt unabhängigen Qualitätsjournalismus in den Dienst von Millionen von Menschen, die weltweit von humanitären Krisen betroffen sind. Weitere Informationen finden sich unter www.thenewhumanitarian.org.
Herausgegeben in The New Humanitarian von Eric Reidy, gekürzt durch die Redaktion des Palästina-Infos. Link zu Originaltexten: https://www.thenewhumanitarian.org/first-person/2025/04/30/ive-been-displaced-again-i-will-not-let-gaza-disappear-quietly