STIMMEN AUS GAZA – Ist es das Ziel, dass wir verschwinden? Zum Schweigen gebracht werden? Dass wir langsam sterben?

Rita Baroud

15. April 2025

Deir al-Balah, Gaza

Jedes Mal, wenn wir den Punkt erreicht haben, an dem wir denken, dass es nicht mehr schlimmer werden kann – dass wir die Grenze unserer Überlebensfähigkeit, die Grenze unseres Leidens und unserer Verzweiflung erreicht haben –, sind wir überrascht, dass diese Grenze noch weiter entfernt ist, dass auf jeden Tiefpunkt ein noch tieferer folgt. Jetzt sind der Hunger und der Durst nach Gaza zurückgekehrt.

Seit mehr als 40 Tagen sind die Grenzübergänge fest verschlossen. Das erstickt das wenige Leben, das noch übrig ist. Es wird keine humanitäre Hilfe zugelassen. Keine Lebensmittellieferungen. Nichts kommt durch − nur Soldat:innen, Bulldozer und Panzer. Brot, Wasser und Medikamente sind uns versagt, aber der Himmel bleibt offen für Bomben.

Die Regale der Geschäfte sind fast leer und die Märkte haben ihre Bedeutung verloren. Wir verbringen Stunden mit der Suche nach einem Sack Mehl, einer Dose Bohnen, nach etwas Essbarem. Aber die Preise schiessen in die Höhe und die Waren verschwinden schnell.

Die profitgierigen Händler:innen sind − anstatt Teil des Überlebens − zu Partner:innen unseres Erstickens geworden. Einige von ihnen horten Waren, warten, bis die Not grösser wird. Dann geben sie sie zu gnadenlosen Preisen frei. Niemand wagt es, sich dagegen zu wehren. Alle haben Angst. Alle sind hungrig.

Seitdem der Krieg vor einem Monat wieder begonnen hat, richtet er sich nicht nur gegen unsere Häuser und Körper, sondern auch gegen unsere Seelen. Er greift uns von innen an. Wir leben ohne Strom, ohne Vorräte. Wir können kaum mit der Aussenwelt kommunizieren. Auch unsere Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren, schwankt unter der Last all dessen, was wir ertragen haben. Es ist, als ob wir langsam ausgelöscht werden, als ob das Ziel der völlige Zusammenbruch ist − nicht nur des Ortes, sondern auch von uns als menschlichen Wesen.

Die Menschen haben sich verändert. Ihre Gesichter haben sich verändert. Das Schweigen überwiegt jetzt das Reden. Die Tränen sind häufiger als die Wut. Die Zahl der Märtyrer:innen nimmt in erschreckendem Tempo zu. Die Bombardierungen erfolgen wahllos − ohne Vorwarnung, ohne Grund. Es gibt keine sicheren Zonen, keine Momente der Ruhe.

[...] Psychologisch gesehen ist dies die schlimmste Zeit, die wir je durchlebt haben. Die Angst sitzt tiefer, schwerer und hartnäckiger. Sie lässt uns nicht los. Es ist nicht nur die Angst vor dem Tod, sondern auch die Angst davor, wie wir so weiterleben sollen.

Sogar der Schlaf hat sich verändert. Wir schlafen mit unserem Körper, wachen aber mit einer erschöpften Seele auf − wir driften zum Lärm von Kampfflugzeugen weg und wachen durch Schreie auf, durch die Nachricht, dass jemand gestorben ist, oder durch die Angst, dass wir die Nächsten sein könnten.

Ja, wir sind noch am Leben. Aber was für ein Leben ist das? Wir versuchen, uns an das zu klammern, was von unserer Menschlichkeit, unserer Würde übrig geblieben ist. Wir halten uns fest an einen kleinen Traum von einem Licht am Ende des Tunnels. Aber der Weg ist dunkel. Mit jedem Tag, der vergeht, verlieren wir ein Stück von uns selbst.

Wir sind gezwungen, stundenlang meilenweit zu gehen, um das Allernotwendigste zu finden. Wenn wir auf einen von Eseln gezogenen Wagen stossen, sehen die Esel selbst erschöpfter aus als wir. Ich bin dafür verantwortlich, Orte zu finden, an denen die elektronischen Geräte meiner Familie aufgeladen werden können, und Wasser zu transportieren. Jeder von uns hilft mit.

 

Die Zukunft ist verschwunden

Ab und zu treffe ich mich mit einer Freundin in einem kleinen Café in Deir al-Balah, das es geschafft hat, offen zu bleiben. Mit ihr brauche ich nichts zu erklären. Wir erleben die gleichen Gefühle. Wir wissen beide, dass Sprache diese Art von Schmerz nicht beschreiben kann. Dennoch versuchen wir es immer wieder.

Sie ist Ärztin und ich bin Journalistin. Wir sitzen zusammen und tauschen zufällige Gedanken aus. Wir sprechen über unsere Erschöpfung, tauschen lustige Witze und Erinnerungen an das Leben vor dem Krieg aus und kommentieren düster und sarkastisch die Absurdität dessen, was aus unserem Leben geworden ist. Früher träumten wir beide davon, im Ausland zu studieren. Jetzt träumen wir davon, sauberes Wasser zum Trinken zu finden.

[...] Seit der Krieg wieder begonnen hat, ist die Zukunft aus unseren Gesprächen verschwunden. Alles ist in der Gegenwart stehen geblieben. Sie rettet Leben und ich dokumentiere Verluste. Wir beide wissen um das Gewicht der Verantwortung, die wir tragen. Wir leben Tag für Tag, Stunde für Stunde in einer fragmentierten Zeit, die weder der Vergangenheit angehört noch Zukunft zu sein wagt.

Ich wache jeden Morgen − wenn ich überhaupt schlafen konnte − mit Herzrasen auf. Als ob etwas Schreckliches passieren würde. Es gibt keinen Moment der Sicherheit, kein Gefühl des Friedens. Ich versuche zu schreiben, zu dokumentieren, zu erklären, aber manchmal habe ich das Gefühl, die Worte verraten mich. Ich schreibe über die Menschen und ich bin eine von ihnen. Ich schreibe über die Angst, während die Angst in meinem Körper lebt. Ich schreibe, aber tief im Inneren frage ich mich immer wieder: Für wie lange? Und warum? Und hört mir überhaupt jemand zu?

Ich habe das Gefühl, dass mein Körper nicht mehr der meine ist. Ich bewege mich. Ich spreche. Ich schreibe. Aber alles in mir ist stillgelegt. Der Schlaf ist zu einem Albtraum geworden. Ich schliesse meine Augen zu den Geräuschen von Kriegsflugzeugen und wache mit dem Klopfen meines Herzens auf. Ich berühre mein Gesicht, meine Gliedmassen, nur um mich zu vergewissern, dass ich noch am Leben bin. Manchmal atme ich nicht tief ein. Nicht, weil ich nicht will, sondern weil ich Angst habe, dass der Klang meines Atems die Stille vor einer Explosion durchbricht.

Ich versuche, stark zu wirken. Denn so viele um mich herum − meine Mutter, mein Vater, meine Schwester − verlassen sich darauf, dass ich mich zusammenreisse. Auch die Arbeit verlangt, dass ich stark bleibe. Wenn ich Menschen treffe und mir ihre Geschichten anhöre − Geschichten von Verlust, Hunger, Überleben −, muss ich mich zusammenreissen. Ich muss ihren Schmerz aufnehmen und in Worte fassen. Ich kann es mir nicht leisten, vor ihnen zusammenzubrechen. Ich bin es ihnen schuldig, zu bezeugen, zu dokumentieren, zu sprechen.

Aber die Wahrheit? Ich schreibe das jetzt mit zitterndem Herzen und zittrigen Händen, weil ich vom Schreien in meinem Kopf erschöpft bin.

Wie soll ich über diese Hölle schreiben?

Seit der Krieg wieder begonnen hat, hat mein Leben seine Struktur verloren. Meine Tage sind chaotisch geworden. Genau wie der endlose Strom von Nachrichten, wie das Bombardement, das niemals schläft. Ich verfolge den unaufhörlichen Fluss der Ereignisse. Ich finde kaum noch Zeit zum Nachdenken, zum Atmen oder zum Verarbeiten dessen, was um mich herum geschieht. Alles fühlt sich ungeordnet an. Mittendrin bewege ich mich wie jemand, der versucht, eine Handvoll Sand zu greifen.

Was mich am meisten erschöpft, ist der Mangel an Wasser. Es gibt Tage, an denen ich gezwungen bin, auf das Waschen zu verzichten. Diese Entbehrung der einfachsten Form der Sauberkeit beunruhigt mich. Es verstärkt das Gefühl, dass ich in einer Szene gefangen bin, die sich endlos wiederholt. Alles wiederholt sich: die Bombardierung, der Hunger, die Flucht, die Angst, die Nachrichten, die Hilflosigkeit.

[...] Jedes Mal, wenn ich den Stift in die Hand nehme, habe ich das Gefühl, dass ich eine Last in meiner Brust trage. Wie soll ich über diese Hölle schreiben? Wie soll ich das Unbeschreibliche beschreiben? Manchmal möchte ich einfach nur schweigen. Alles abschalten, diese Realität verleugnen, ein normaler Mensch sein − nicht jemand, von dem erwartet wird, dass er den Schmerz trägt und weitergibt.

Aber dann denke ich wieder: Wenn ich nicht schreibe, wer dann? Wer wird sagen, dass wir hungrig sind? Dass wir durstig sind? Dass wir bombardiert, belagert und im Stich gelassen werden?

Schreiben schützt mich manchmal. Es gibt mir eine Stimme, wenn ich das Gefühl habe, zu ersticken.

Aber gleichzeitig erschöpft es mich, weil es mich zwingt, mich all dem zu stellen, vor dem ich in mir selbst zu fliehen versuche.

Ich habe so viel geschrieben. Ich habe euch von dem erzählt, was wir sehen, was wir durchleben, was wir jeden einzelnen Tag verlieren. Aber am Ende erschöpfen mich sogar die Worte. Die Wahrheit zermürbt mich. Und ich bleibe allein mit den Fragen, die mich nicht loslassen: Ist es normal, Angst zu haben? Einen Schluck Wasser zu trinken, weil es ausgehen könnte? Von einer einfachen Mahlzeit zu träumen? Sich nach einem Geräusch zu sehnen, das keine Zerstörung mit sich bringt?

Ist es normal, all diesen Schmerz zu ertragen, als ob wir nicht einmal Menschen wären? Wer hat entschieden, dass Gaza ausserhalb der Logik, ausserhalb der Barmherzigkeit, ausserhalb der Zeit existieren muss? Ist es das Ziel, dass wir verschwinden? Dass wir schweigen? Dass wir langsam sterben, ohne dass unser Tod irgendjemanden beunruhigt? Wer versteht diesen Schmerz? Und wer kann uns erklären, warum?


Rita Baroud ist 22 Jahre alt und palästinensische Journalistin und Korrespondentin.


Herausgegeben in The New Humanitarian von Eric Reidy, gekürzt durch die Redaktion des Palästina-Infos. Link zum Originaltext:

https://www.thenewhumanitarian.org/opinion/first-person/2025/04/15/goal-us-disappear-go-silent-die-slowly