Moralische Überlegenheit statt kritischem Journalismus
Roman Vonwil
Am 16. Oktober 2025 erschien in der Wochenzeitung (WoZ) ein Artikel über die Palästina-Demo, die wenige Tage zuvor in Bern stattgefunden hatte. Redakteurin Bettina Dyttrich, bekannt für ihre fundierten Beiträge zu Ökologie und Landwirtschaft, zeigt sich hier als Vertreterin einer Haltung, die den herrschenden Diskurs bestätigt, statt ihn zu hinterfragen. Ihr Text ist weniger eine Analyse als eine Abrechnung – und offenbart eine tiefe Entfremdung von denjenigen, die auf die Strasse gehen, um gegen koloniale Gewalt zu protestieren. Er ist kein Versuch, zu verstehen, warum Menschen trotz «Frieden» in Gaza auf die Strasse gehen. Er ist ein Versuch, sie zu disziplinieren.
Frieden, aber für wen?
Dyttrichs zentrale Annahme scheint zu sein: Wenn die Waffen gerade mal schweigen, herrscht Frieden. Und dann soll bitte auch hierzulande Ruhe einkehren. Wer dann noch demonstriert, so ihr Unterton, handelt irrational oder – noch schlimmer – aus purer Bosheit gegenüber Israel und somit antisemitisch. Dass dieser «Frieden» auf kolonialer Unterwerfung und einer andauernden militärischen Besatzung beruht, fällt dabei unter den Tisch. Die Forderungen der Demonstrant:innen – nach Gerechtigkeit, nach Dekolonisierung, nach internationaler Solidarität – tauchen in ihrem Text nicht auf. Stattdessen entwirft sie das Bild einer «fehlgeleiteten Linken», die angeblich zwanghaft und blind der Palästina-Solidarität anhängt und den antikolonialen Widerstand «unkritisch verherrlicht». Zahlreiche auch linke Politiker:innen und öffentliche Personen teilen diese Position. So liess beispielsweise der Berner Gemeinderat Alec von Graffenried (Grüne Freie Liste) bei einem Interview neben der Demonstration seinem völligen Unverständnis darüber, dass «gegen Frieden» protestiert werde, freien Lauf – während an seiner Jacke ein Pin mit dem ukrainischen Nationalsymbol prangte. Die Doppelmoral dieser Haltung könnte kaum deutlicher sein: Solidarität darf sein, solange sie in das westliche Narrativ passt.
Rassistische Deutungsmuster
Die Weigerung Dyttrichs, sich überhaupt mit den Inhalten der Demonstration auseinanderzusetzen, zeigt sich besonders entlarvend dort, wo sie ein Mobilisierungsvideo analysiert. Ein arabisches Lied im Hintergrund genügt ihr, um islamistische Bezüge und eine Nähe zur Hamas zu wittern. Kein Wort zum Text, keine Übersetzung, keine Recherche. Arabisch = Islam = Gefahr. Diese Gleichsetzung ist nichts anderes als internalisierter Rassismus im intellektuellen Gewand. Was bei Dyttrich wie eine journalistische Beobachtung daherkommt, ist in Wahrheit ein politischer Reflex: die Abwehr des Anderen. Dass arabische Sprache, Kultur und Musik im Kontext von Protest sofort als Bedrohung gelesen werden, zeigt, wie tief koloniale Wahrnehmungsmuster verankert sind – selbst in Medien, die sich kritisch nennen.
Pathologisierung der Protestierenden
Dyttrich grenzt sich zwar stellenweise von bürgerlichen Bemühungen ab, Protest zu delegitimieren, indem den Menschen auf der Strasse irrationale Gewaltbereitschaft unterstellt wird. Netterweise spricht sie den Demonstrierenden zu, «hochpolitisiert» zu sein. Was aber folgt, ist eine an den Haaren herbeigezogene Analyse, in der sie ihnen unterstellt, entweder «bewusst Antisemitismus und Menschenverachtung (zu) legitimieren» oder dann doch naiv und unwissend zu sein. Entgegen ihrer eigenen Behauptung unterstellt Dyttrich somit einem Grossteil der Demoteilnehmenden, nicht rational, sondern in ihrer Naivität affektiv zu handeln. «Fast zwanghaft» handle die Linke, schreibt Dyttrich – eine Formulierung, die man zweimal lesen muss, um ihre Abwertung ganz zu begreifen. Denn hier wird Politik nach altbekannten Mustern psychologisiert: Wer auch gewaltsam Widerstand leistet, gilt als emotional, irrational, getrieben. Vernünftig ist hingegen, wer sich an die Spielregeln der liberalen Öffentlichkeit hält – sprich: Appelle an die Herrschenden schreibt, «friedlich» demonstriert und Petitionen startet. Der Instagram-User wellatleastfornow formulierte treffend: «In dieser Logik scheint internationalistische Solidarität nicht mehr als Antwort auf koloniale Gewalt, sondern als emotionale Fehlsteuerung. Vernunft bleibt dem hegemonialen Zentrum vorbehalten, während affektive Politisierung – das gemeinsame Handeln aus Wut, Trauer oder Schmerz – als Unvernunft gilt.»
Journalismus als Machttechnik
Dyttrich schreibt aus einer Position der moralischen Überlegenheit. Ihre Urteile über die Demonstrant:innen ersetzen jede journalistische Analyse. Sie schreibt nicht über Macht, sondern aus der Macht heraus. Sie spricht den Demonstrierenden ihre Vernunft ab – und spricht im gleichen Atemzug für eine Öffentlichkeit, die glaubt, objektiv zu sein und rational zu handeln, weil sie keine Emotionen zeigt. Dabei ist die Weigerung, Empörung zuzulassen, längst selbst ein Affekt: der Affekt der Macht. Er spricht den Unterdrückten das Recht auf Wut gegen ihre Unterdrückung ab. In der liberalen Öffentlichkeit gilt Wut nur dann als legitim, wenn sie sich gegen autoritäre Regime richtet, die weit genug weg sind. Wut gegen den eigenen Staat, gegen westliche Komplizenschaft, gegen die eigenen kolonialen Denk- und Handlungsmuster, das ist zu viel. Wäre es nicht die Aufgabe kritischer Medien, sich selbst zu befragen: Warum ruft eine Demonstration für Palästina so starke Abwehr hervor? Warum wird Wut über Unterdrückung als Gefahr gelesen, während der staatliche Gewaltapparat kaum hinterfragt wird? Dabei gäbe es mehr als genug Gründe, sich journalistisch mit der Demonstration auseinanderzusetzen. Die Kritischen Jurist:innen berichten von unverhältnismässiger Polizeigewalt, Amnesty International prüft mögliche Menschenrechtsverletzungen durch die Staatsgewalt, in der Republik kommen verletzte Demoteilnehmer:innen zu Wort. Der Berner Radiosender Rabe konfrontierte die Polizei mit entsprechenden Zeug:innenaussagen – und zeigte damit, wie kritischer Journalismus aussehen kann. Solche Ansätze fehlen in Dyttrichs Text völlig. Stattdessen bleibt sie auf der Seite der Ordnung, die sie eigentlich kritisch beleuchten sollte. Dass eine linke Journalistin dieses Machtverhältnis nicht nur übersieht, sondern aktiv stabilisiert, wenn es um Palästina geht, ist bitter. Es zeigt, wie tief der Reflex sitzt, Kritik an der eigenen politischen Kultur zu vermeiden – selbst auf Kosten jener, die am meisten riskieren.
Das Ende der kritischen Öffentlichkeit?
Was den Text so irritierend macht, ist nicht nur seine Haltung, sondern auch der Ort seiner Veröffentlichung. Die WoZ versteht sich als linke Gegenöffentlichkeit, als Stimme der Marginalisierten. Wenn eine ihrer profiliertesten Journalist:innen nun das Narrativ des Establishments übernimmt, dann ist das mehr als ein individueller Fehltritt. Und es geht über das Thema Palästina hinaus. Es ist ein Symptom für eine Linke, die sich in moralischer Selbstzufriedenheit und im Zentrum der Macht eingerichtet hat, während sie den Blick für reale Gewaltverhältnisse verliert. Die moralische Überlegenheit ersetzt politische Analyse. Die Sprache diszipliniert, wo sie erklären sollte. In der WoZ scheint es, als wäre die Geschichte schon zu Ende erzählt, als gäbe es nichts mehr zu verstehen. Aber genau darin liegt der Fehler: Die Geschichte von Gaza, von Palästina, von antikolonialem Widerstand ist keine, die sich im vermeintlichen Frieden des Westens auflösen lässt. Sie dauert an – auch in Bern, auch in Zürich.